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Nach 23 Jahren das erste Mal wieder die Stimme der eigenen Schwester zu hören ist sehr seltsam. Nicht, dass es mich unvorbereitet getroffen hätte, immerhin habe ich den ersten Schritt gemacht. Die Stimme war dann auch nicht das Problem, sondern zu erfahren, dass ich seinerzeit, als die leibliche Familie an meinen Vorwürfen zerbrach, doppelt im Stich gelassen worden bin. Das tut sogar heute noch weh, nachdem ich eigentlich mit allem abgeschlossen habe.

Ein Wort von ihr, damals, als ich alleine dastand, nur eines, und vielleicht wäre alles anders gekommen. Für alle. Aber sie wollte "die Mutter schützen" vor dem, was geschehen ist und bezichtigte mich, wie alle anderen auch, der Lüge. Heute kann sie es aussprechen, das unaussprechliche, nur heute hilft es keinem mehr.

Familie ist das, an dem du lebenslang zu kauen hast.




liva am 12.Okt 15  |  Permalink
Wem sagen Sie das!!!! Da kann ich auch ein Liedchen drauf singen
LG, liva

arboretum am 12.Okt 15  |  Permalink
Es gibt Mütter, die wissen und wussten tatsächlich nichts. Andere hingegen wollen und wollten nichts davon wissen, ahn(t)en es aber zumindest. Die verhalten sich dann auch gern einmal besonders "schutzbedürftig", um an der eigenen Lebenslüge festhalten zu können.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft.

heim_weh am 13.Okt 15  |  Permalink
In diesem Fall war es offensichtlich, bzw. zu erahnen. Und eigentlich sind es Kinder, die schutzbedürftig sind, es ist nicht die Aufgabe der Kinder, die Mutter zu schützen.

Es ist lange her und eigentlich schon abgehakt. Jedoch ist die zuletzt erfahrene Erkenntnis, dass es mehr als eine Betroffene und dort keinen Zusammenhalt gab, als das gesamte Gefüge zusammenbrach, schon bitter. Die vielen Jahre, die ich mir Vorwürfe gemacht habe und vor allem ganz alleine dastand, quasi Ausgestossene und obendrein Lügenmaul, die hätten nicht sein müssen, vor allem auch deshalb, weil hernach ja doch der Mund aufgemacht worden ist, viel, viel später und da war es ja doch schon zu spät.

Nun ist es so, mir hat es gut getan und auch weh getan, dieses zu erfahren. Danke für Ihre Worte.

arboretum am 15.Okt 15  |  Permalink
Es wird Ihnen kein Trost sein, wenn ich Ihnen sage, dass nicht nur die mitwissenden Mütter, sondern auch die falschen Schutzreflexe und der fehlende Zusammenhalt häufiger vorkommen. Ich weiß von einem Fall, da machte sich der Täter erst über seine Töchter und später über seine Enkelin her. Und die Großmutter wusste davon. Als sich seinerzeit die eine Tochter ihrer Mutter, also der Großmutter, anvertraute, bekam sie nur zu hören, sie solle gefälligst den Mund halten, wenigstens lasse der Mann dann sie, also die Ehefrau, in Ruhe. Als diese Tochter später nicht länger schweigen wollte, wurde sie aus der Familie verstoßen.

Die Mutter jener Enkelin schwieg und verdrängte und gründete später eine eigene Familie. Als ihre Tochter - jene Enkelin - erwachsen war, stürzte sie in eine Krise, deren Ursache in dem zu suchen war, was ihr der Großvater angetan hatte. Erst als die Tochter ihr erzählte, was geschehen war, vermochte sie auch darüber zu sprechen. Der Ehemann und Vater war fassungslos und machte sich Vorwürfe, dass er seine Tochter nicht davor beschützt hatte. Den Großvater konnte niemand mehr zur Rechenschaft ziehen, er lebte nicht mehr.

Wissen Sie, was die Großmutter zu all dem sagte?

Immer noch besser als wenn er sich eine andere Frau gesucht hätte. So blieb es wenigstens in der Familie.

Die einst verstoßene Tante hat sich dann sehr um die junge Frau gekümmert. Und die betroffene Familie den Kontakt zur Großmutter abgebrochen.

arboretum am 17.Okt 15  |  Permalink
So, endlich kann ich noch zu Ende schreiben, ich bin am Donnerstag unterbrochen worden und musste danach gleich außer Haus.

Ich weiß nicht, was Ihre Schwester dazu bewogen hat, partout Ihre gemeinsame Mutter schützen zu wollen, zumal die wohl die Wahrheit kannte. Offensichtlich hatte sie nicht wie Sie den Mut und die Kraft, das Unaussprechliche anzusprechen. Traurig, dass sie sie nicht einmal dann fand, um den Schritt auf Sie zuzugehen, nachdem sie endlich doch den Mund aufgemacht hatte. Vielleicht hat sie sich aber auch zu sehr geschämt, weil sie ja genau wusste, dass auch sie Ihnen Unrecht getan hatte. Dass Sie beide Male anders handelten, zeugt von Ihrer Stärke.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie beide wieder einen Weg zueinander finden, denn ich vermute, dass Sie sich das wünschen, sonst hätten Sie den ersten Schritt nicht gemacht.

heim_weh am 20.Okt 15  |  Permalink
Ich danke Ihnen für Ihre Worte, die erstens Zeit gekostet haben und zweitens ein Thema betreffen, welches schwer zu behandeln ist, egal, aus welcher Perspektive.

Zur Mutter: auch wenn eine Mutter tatsächlich nichts mitbekommen hat, sollte sie doch zunächst einmal dem Kinde zugewandt bleiben und das Gespräch suchen, anstatt sofort abzublocken und das Kind als Lügner zu bezeichnen. Das sofortige Abblocken ist für mich ein Zeichen des Wissens. Und daher ist es auch ein doppeltes Versagen, denn seinerzeit hätte eingegriffen werden müssen und einem Kind, auch wenn es erwachsen ist, die gemachte Erfahrung abzusprechen und das Kind lieber wegzustossen, als zu ihm zu stehen, ist zweifacher Verrat am Kinde.

Zur Schwester: ich vermute Scham. Damals, das war eine Zeit, als man noch nicht im Nachmittagsprogramm über Sexpraktiken sprach, als einem noch nicht von Plakatwänden nackte Brüste entgegensprangen und als alle im Sexualkundeunterricht knallrot wurden und sich peinlich berührt halb unter den Tisch verkrochen. Umso mehr ist für mich klar, dass der Mutter bewusst war, was vor sich ging, denn es gibt einige nicht von der Hand zu weisende Tatsachen, die eine klare Aussage machen.

Wie auch immer, es ist lange her und eigentlich bereits abgehakt. Es ist nur schwer zu hören, wie es auch hätte anders laufen können. Für alle. Die eigentlichen Folgen, die ewigen Begleiter durch das gesamte Leben, bleiben davon unberührt.

Es gilt dennoch: es ist und bleibt jeder selbst für sich verantwortlich. Man kann sich an sein Traumata klammern und das Leben danach ausrichten, oder es hinter sich lassen, und sein Leben mit anderen Dingen versauen. :-)))